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Zaum und Zaun – die Kunst der Begrenzung für Mensch und Pferd

 

Die Basis meiner Kommunikation mit meinem Pferd ist frei…hier begegnen wir uns offen und neugierig, fühlen uns ineinander ein und finden schließlich in diese magische Bubble der Synchronität in der Bewegung. Hier lerne ich klar und unverfälscht, wie meine Gesten verstanden und beantwortet werden.

 

 

Aber frei ist relativ – natürlich. Frei heißt, dass wir auf einem begrenzten Raum Begegnung erleben. Der Zaun ist die Grenze, die uns einerseits Sicherheit gibt, aber andererseits auch schnell eine aktive Rolle erhält, die mir immer bewusster wurde.

 

 

Am Zaun entlang das Pony bewegend kann meine Körpersprache extrem machtvoll und sogar bedrängend werden lassen…er ist der starre Gegenspieler auf der anderen Seite des Pferdes und kann bei Unachtsamkeit oder Übermut im Spiel bedrohlich werden für mein Pony. Das so genannte Join Up entlang eines runden Zaunes kann dies im Extrem veranschaulichen – wenn es ohne Achtsamkeit in ein schikanöses Treiben entlang des endlosen Rondells ausartet. Genau die gleiche Kommunikation kann aber auch sehr verbindend und sensibel geschehen…auch hier wieder ist die Behutsamkeit und der Respekt entscheidend, ob eine „Technik“ pferdegerecht ist oder nicht.

 

 

Aber auch ein ganz normaler Zaun in Distanz bleibt immer eine Grenze, die ich bewusst einbeziehe. So lade ich meinen Stradi immer zu Beginn lieber zum Miteinander ein, indem ich mich am Zaun bewege und außen bleibe, damit er den gesamten Raum für seine Antwort behält...und erst, wenn er Ja sagt, können wir die Positionen variieren.

 

Wenn wir dann im Einklang sind, kann ein Zaun in der Nähe gerade beim freien Bewegen meine Signale unterstützen, vor allem wenn es mal um etwas engere Wendungen geht. Dabei bleibe ich sehr aufmerksam, wo die Grenze für ihn liegt, dass ich bedränge.

 

 

Der Zaun kann auch beim Erlernen bestimmter gymnastischer Übungen hilfreich sein, um auf einer Linie zu erklären, wie zum Beispiel die Geste für Travers Richtung äußerem Hinterbein gemeint ist. Aber: Das ist tückisch…das habe ich in der Akademischen Reitkunst - Schulung im genialen Onlinebodenarbeitskurs von Anna Eichinger und beim Olineunterricht bei Viktoria Portugal (https://gemeinsam.einfachreiten.com/) sehr genau gelernt…der Sog des Zauns ist so enorm, dass die Balance schnell eine Täuschung sein kann…ohne Zaun würden wir durch die Anlehnung an diesen schlicht umfallen. Also auch hier ist nur ein momentweises Einbeziehen gut und sinnvoll. Besser ist für mich inzwischen, als Linie Schläuche zur Hilfe auszulegen - vorübergehend.

 

 

Den Sog spüre ich auch beim Longieren und freien Kreiseln selbst enorm…immer wieder trudelt meine Laufrichtung in diese Richtung und verlangt nach Korrektur Richtung Mittelpunkt des Zirkels…hier ist dann ein Eimer in der Mitte die beste Korrektur.

 

Die Begrenzung unserer Tanzfläche ist also hilfreich und gleichzeitig herausfordernd – und ein nicht zu unterschätzendes Machtinstrument für mich.

 

 

Und was hat das mit dem Zaum zu tun?

 

Für mich inzwischen sehr viel…auch der Zaum ist eine Begrenzung - des Kopfes, des sensibelsten Bereiches des Pferdes. Ob nun als Kappzaum, mit oder ohne Gebiss…es bleibt eine Begrenzung, die ich mit bestimmten Absichten meinem Pferd anlege. Das klingt vielleicht etwas übertrieben – aber ich erlebe immer wieder, dass der bewusste Umgang auch mit diesem so „selbstverständlichen“ Ausrüstungsgegenstand sehr viel für unsere Beziehung tun kann.

 

 

Immer wieder mal gibt es Phasen, wo ich spüre, dass etwas nicht stimmt zwischen uns – dass Stradi sich nicht richtig wohl fühlt und irgendwie seinen Stolz nicht mehr so zeigt, es  hakt einfach. Ich erlebe ihn dann als „brav, aber irgendwie gelangweilt“. Und habe intuitiv das Gefühl, dass er sich „an der Nase herumgeführt“ fühlt…er befolgt meine Anweisungen, aber er macht das ohne Begeisterung. Für andere ist das kaum sichtbar – für mich ist das eine echte Belastung. Wir lächen nicht mehr, die Leichtigkeit ist weniger geworden.

 

 

Nun habe ich gerade wieder eine Zeit des „Zaumfastens“ aus eben diesem Grund mit ihm durchlebt…und es hat unglaublich viel bewirkt für uns , unser Vertrauen und unsere Freude und Leichtigkeit im Miteinander. Was war geschehen?

 

Ganz bewusst habe ich nichts an seinem Körper befestigt über einige Wochen…und bin sehr intensiv auf die Ebene der freien Begegnung gegangen…auch an der weitesten Stelle unseres Platzes, wo er immer weichen konnte, wenn er wollte. Aber – er wollte nicht. Er spürte offenbar, dass ich wieder in einen anderen Modus gefunden hatte: in die Kommunikation ohne feste Zielbilder…in die energetische Verbindung, deren einziges Ziel es ist – sich wohl zu fühlen miteinander. Schlicht und einfach: Meine Ambitionen, meine kopflastigen „Ziele“ hatten den Zaum erhalten, der ihm gerade vorher zu viel war. Dabei hatte er sichtlich Freude, mich zu überraschen, zum Beispiel mit einer federleichten Levade hinter meinem Rücken (natürlich genau vor der Kamera) …oder mit einem elastischen Schaukelgalopp ohne Mühe. Seine Bedingung: Lass uns MITEINANDER sein, lass uns gemeinsam schwingen und tanzen.

 

Das war so grandios, dass es mich sehr bewegt hat – und ich wieder so viel lernen konnte….durch diesen Verzicht auf Kontrolle und die doch so gut gemeinten „Ausbildungsziele“. Diese bewussten Fastenzeiten werde ich wiederholen – und mir wird wieder so klar, wie fein und großartig ich die Beziehung zu Stradi vertiefen kann, wenn ich alles, was so gut für uns ist, mal im Zaum halte…also hinter das stelle, was am wichtigsten für uns ist…der Einklang der Herzen.

 

Ich weiß, dass dieses innere „Abschalten“ beim Pony nur bedingt durch den Zaum ausgelöst wird…es sind meine Ambitionen dahinter…das sagt er mir, wenn er sich zurückzieht. Und ich bin sicher, dass einfach manchmal eben doch ein Muskel mehr zwickt, als ihm lieb ist, wenn ich etwas zu lange nach einer Gymnastik frage…entweder, weil ich zu sehr mit der Optimierung meiner Hilfe beschäftigt bin – oder weil ich zu begeistert in der Bewegung mit ihm verharre.  Wenn wir frei tanzen, kann er sich diese Entlastung nach Belastung selbst holen und tut das auch. Deshalb ist das für mich auch ein Tanz und keine Dressur…im Sinne von Kontrolle seiner Bewegungen ohne Zaum. Dann wäre wiederum der Gebrauch des Zaums sinnvoller für mich und ist es auch, behutsamen Umgang damit vorausgesetzt.

 

 

Jetzt haben wir nach unserer Fastenphase ganz behutsam begonnen, den Zaum wieder aufzunehmen…und ich staune, wie fröhlich er dabei ist. Es erleichtert ihm die Umsetzung schwierigerer Bewegungen, weil ich ihm einen ganz leichten Rahmen geben kann…und es macht die Vielfalt unseres Tanzes noch bunter. Aber ich achte sehr darauf, dass diese Reprisen kurz sind (mein mentaler Zaum gut sitzt sozusagen) – und wir haben immer in jeder Einheit auch eine freie Phase.

 

Da überwältigt er mich dann mit einem enormen Vertrauen und berechtigtem großen Stolz, wenn er zum Beispiel nach dem Langzügeln zeigt, dass er Luftzügeln mit mir in gleicher Position auch sehr spannend findet und entspannend für sich findet. Voller Verantwortung, mich nicht zu „verlieren“, horcht er dabei auf die feinsten Stimmsignale und nimmt mich selig und staunend mit.

 

 

Und wenn es wieder mal eine Phase gibt, wo es ein bisschen klemmt zwischen uns, weil ich meinen mentalen Zaum zu oft vergessen habe, wird wieder „gefastet“ – ich kann das nur empfehlen.