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Die goldenen 20 Minuten - Muskelaufbau ohne Zwang

Auch wenn es mich natürlich von Herzen freut, wie gut mein Stradi körperlich dasteht, möchte ich dieses "Ergebnis" als Summe aus vielen Faktoren zuzsammenfassen. Und auch bewusst betonen, wie dankbar ich dafür bin.

 

Anlass ist, dass wiederkehrende live Besucher immer häufiger Folgendes von sich geben:

 

Was für ein Kraftprotz.(Tierärztin) - Der hat einen Hals wie ein Hengst. (Schmied)- Der Rückenmuskel ist so massiv, da muss ich richtig suchen nach den Knochen (Osteo). Er wird ja immer größer. - Wie, und der wird gar nicht geritten?

 

Natürlich freut sich dann der Besitzerstolz...und vor allem macht es mich unglaublich froh und dankbar, mit so einem lebensfrohen und kraftvollen Pony zu tanzen.

 

Und dann erinnere ich mich an die Zeit, als ich das Reiten hinter mir ließ (siehe Blog: Aus Respekt - warum ich nicht mehr reite). Und dass ich da viele Zweifel hatte, ob ich ihm "nur " mit Bodenarbeit gerecht werden könnte. Stradi war durchaus nicht schon muskulär top, als er vor 4 J. als Elfjähriger zu mir kam. Ich wollte ihn gut ausbilden und vor allem sein Körpergefühl unterstützen und ihm durch mehr Balance mehr Lebensqualität bieten. Und das, wo ich weder Halle, noch einen Reitplatz habe mit optimalem Untergrund...sondern "nur" unseren Paddock mit feinstem Heidesand...der bei Trockenheit sehr sehr tief werden kann.

 

Ich möchte hier Mut machen und inspirieren, dass ohne Reiten und ohne Zwang sich ein Pferd auch muskulär sehr schön entwickeln und aufbauen kann...bei täglich 20 goldenen Minuten.

 

Meinerseits fanden sehr viele Studien der Biomechanik statt, wurde die Bibliothek immer größer und die Neugier auch. So bin ich bis heute davon fasziniert, mein Gefühl für seine Muskeln und Balance zu verfeinern und ihm dadurch Vorschläge für mehr Leichtigkeit anzubieten.

Besonders grandios war für mich das Studium der Biomechanik bei Thomas Ritter, der Biotensegrety bei Maren Diehl, des Longenkurses von Babette Teschen und des unglaublich feinen freien Dressurtrainings von Christiane Gittner. Ingrid Klimke inspirierte mich auch immer wieder und Silke Vallentin, die so fein und genial Horsemanship vom Rollstuhl aus vermittelt.

 

 

Um auch im Wald einen Ausgleich zu finden, fing ich also an, ihn am Rad längere Strecken traben zu lassen. und er macht das so grandios und kooperativ, dass wir einen sehr schönen Ausgleich damit haben...einfach mal geradeaus voran.

Und seit einem halben Jahr sind wir bei Anna Eichinger in die Feinheit und Leichtigkeit der Akademischen Reitkunst eingestiegen...das passte , um unsere Bewegung und Wahrnehmung voneinander zu verfeinern und vertiefen.

 

Alles Wissen habe ich aus Büchern, Videos oder wunderbaren Onlinekursen. Nie hätte ich gedacht, dass dies so gut gehen kann...aber es ist genial, ich kann mir genau die passenden Lehrer aussuchen und bin völlig ortsunabhängig und ohne jeden Erfolgsdruck in einem faszinierenden Lernprozess.

Einen großen Anteil am Muskelaufbau hat sicher unser sehr kreative Tanz auf Augenhöhe. Diese freie Art der gemeinsamen Bewegung in intensiver mentaler Verbindung nimmt bestimmt die Hälfte unserer Trainingszeit ein. Gerade bei Christiane Gittner wurde mir klar, wie viel Motivation und Kreativität auch das Pony zeigt, wenn ich ihm diesen Raum gebe und wir wirklich in einen Bewegungs-Dialog auf Augenhöhe gehen.

Hinzu kommt, dass er sehr genau Feedback geben kann, wenn er auf einer Seite zB einfach in Anstrengung gerät und lieber wechseln möchte. Oder sich eine Auszeit nehmen kann, wenn es ihm zu anstrengend wird.

Der Hintergrund dazu wurde von mir in der "Skala der Verbudenheit" schon genauer vorgestellt.

 

Wir haben auch noch einen unschätzbaren Vorteil: Wir sind ganz für uns, nur meine Kamera schaut mit...keine Bandenleute oder ähnliche Situationen....die Nachbarn haben sich dran gewöhnt, dass wir irgendwie "anders" sind, haha.

Wir genießen einen weiteren Vorteil: Wir leben quasi zusammen...ich habe also auch außerhalb des Training sehr viel und intensiven Kontakt zu ihm.

 

Als er zu mir kam, begannen wir mit Equikinetik...das mochte er sehr, besonders wenn immer dieser Pieps mit Keks nach zuverlässiger Zeit kam. Die gesamte Einheit ging über 20 Minuten. Wir haben sehr auf korrekte Haltung und Takt und Losgelassenheit geachtet.

 

Seit dieser Zeit blieb es dabei...die 20 Minuten überschreiten wir höchst selten. Das ist "in uns verinnerlicht"..ich sehe das immer erst, wenn ich das Video hochlade. Wenn etwas sehr schön ist, kann es auch mal bedeutend kürzer sein.

 

Positive Verstärkung ist bei uns die Kommunikationsbasis...auf unsere eigene Art. Das heißt, das Stimmlob ist primär und häufig, es begeistert ihn sehr...das Futterlob bekommt er für seine Anstrengung...unbedingt auch, wenn es nicht zum "gewünschten Ergebnis" kam, weil das ja in der Regel mein Fehler war und für ihn umso schwieriger, sich dazu zu verhalten.

 

 

Und was machen wir in diesen goldenen 20 Minuten?

 

 

Wenn wir uns begegnen, weiß ich nur ungefähr, was wir tun werden...das ergibt sich dann in der Konkretheit aus der aktuellen gemeinsamen Energie. Ich habe einen Wunsch, er hat einen, und dann suchen wir die Schnittmenge.

Prinzip ist, dass wir eigentlich nie feste Einheiten vor uns haben, eher schon mal ein Thema wie: Dehnungshaltung und Versammlung, Stop and Go usw.

Dabei bleibt am Schluss immer Platz für freies Spiel.

 

Zum Tanzen nehme ich immer wieder neue Utensilien mit...ein Tuch, ein Gymnastikband, eine "Garrochina", um die wir gemeinsam kreiseln können - ich will ja interessant bleiben und er mag das, etwas überrascht zu werden...auch wenns mal etwas kribbelt zu Beginn.

 

Dann achte ich auch etwas darauf, eher Kraftbewegungen auf kleinerem Zirkel oder Schwungbewegungen auch mal mit Stangen und Sprüngen auf großen Linien zu wechseln.

 

 

 

 

Da ich im freien Tanz ihm auch Raum lasse für eigene Ideen, entstand von ihm aus auch das "Hoch"...das findet er toll und ist natürlich haltungsmäßig noch längst nicht ausgereift. Da Stradi aber ein sehr smarter und höflicher Freund ist, habe ich diese Idee sehr begrüßt. Sein Selbstbewusstsein ist enorm gestiegen dadurch...auch in der kleinen Herde. Und gerade diese Bewegung hat seine Hinterhand wunderbar aufblühen lassen.

Wir haben einen Pfosten, der sich auch sehr schön als Pilar bewährt, als eindeutiger Mittelpunkt für unsere Übungen auf der Kreislinie. So variieren wir auch da mit vielen Positionen....mal bin ich am Pilar fast statisch in der Mitte, dann wieder sehr nah hinter ihm oder neben ihm in der Frei - oder Hand"arbeit".

 

 

Natürlich gibt es auch Tage, wo wir nicht so richtig Lust haben. Dann ist auf jeden Fall Freies Bewegen dran...und es entstehen manchmal tolle, unbeabsichtigte "Energieexplosionen" bei einem von uns, mit denen wir dann wieder spielen und uns wundern, was so gehen kann.

Vielleicht konnte ich hiermit etwas aufzeigen, dass ein gute bemuskeltes Pony vor allem Freude an der Begegnung und Abwechslung im kurzen Training braucht...und eine faire Freundin, die sich um Wissen und Kompetenz bemüht, seine Bewegungsmuster zu erspüren und zu immer mehr Wohlbefinden zu führen.

 

Ich bin ganz einfache Freizeitreiterin mit dem riesigen Vorteil, dass wir keinerlei Erfolgsziele anstreben müssen...und natürlich sind meine "Hilfen" eher kreativ als präzise - wenn auch durchaus in einer guten Entwicklung. Aber ob er nun piaffieren kann oder sonst tolle Lektionen abrufbar sind, ist zweitrangig. Das gute Gefühl und eine tägliche schöne gemeinsame Zeit ist nach unserer Erfahrung die Basis für eine freudige Entfaltung der Muskulatur und macht für mich eine fröhliches, zufriedenes Pferd aus.