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Pferdeliebe in der Tabuzone – wenn Liebe Loslassen fordert –

 

 

 

 

Paulchen…drei Jahre vor diesem Abschied machte ich mich frohen Mutes auf die Suche nach einem „Pferd fürs Alter“. Meine beiden Stuten, die ich als Selbstversorgerin hier auf unserem Resthof hielt, waren beide Mitte 20 und noch voll dabei, aber eben nicht reitbar wegen Gelenksproblemen. Als Späteinsteigerin und absolut passionierte Pferdeliebhaberin wollte ich nicht zu lange warten, bis ich mich an das „Wagnis“ neues Pferd mit Mitte 50 herantraute. Mir wurde sehr zum Wallach geraten, weil sie gleichmäßiger motiviert und lockerer im Umgang seien.

 

Paulchen tauchte in einer Anzeige auf… sehr in der Nähe, nicht mehr so jung (10J.) und echt „cool“. Ich habe keinen Reitplatz und suchte einen unkomplizierten Kumpel fürs Gelände. Als ich ihn sah, war es um mich geschehen.

 

Unglaublich dubiose Unterbringung in Gatter bei einem Schrotthändler, und wilde Geschichten von schwerkrankem Mann usw. Aber was viel gravierender war: Sein Blick und mein Gedanke: Der muss hier weg!

Das war so, im Nachhinein erstaunt mich das selbst.

 

Ein „Proberitt“ im Wald mit unpassendem Sattel verlief problemlos und ich holte ihn zu mir. Voller Entzücken traf er auf die beiden Stuten und genoss seine Existenz als „Hahn im Korbe“. Ich erkundete mit ihm den Wald…an der Hand und war wirklich begeistert, wie cool er dabei war…allerdings auch recht selbstbewusst. Als er einen passenden Sattel bekommen sollte, kam meine Trainerin zur Anprobe und beim ersten Antraben bockte er…gerade und wie ein Gummiball nach oben. Ich blieb drauf, aber bekam die erste Angstwelle. Diverse Sättel wurden probiert, ich kümmerte mich um tierärztliche Checks, Osteo usw. Es war kein Befund zu entdecken. Dazu bekam er einen Pass, Impfungen und einen Namen…wurde ein offizielles Mitglied der Pferdegesellschaft. Aber sobald ich drauf saß, setzte er routiniert dazu an, den Kopf nach unten zu holen und wie ein Katapult nach oben zu bocken. Das war also mein Pferd fürs Alter…

 

 

 

Meine Trainerin nahm ihn in Beritt…ja, das hatte er gut gelernt, wie er sich verweigern kann. Sie erstickte seine Ansätze zum Bocken im Keim, indem sie ihn blitzschnell zur Seite drehte. Dann war er sehr zugänglich und zeigte wunderbare Gänge und war von ihr sehr schön zu reiten.

 

Und ich? Ich schaute erst zu, war begeistert…und dann wagte ich es auch wieder. Es gab wahre Traumstunden - er war ein unglaublich feiner und leichtfüßiger kleiner Wallach, der sehr viel Energie in seinen Ausdruck legen konnte, wenn ich ihn für mich gewann. Spätestens ab da war ich ihm verfallen…heute sage ich, ich habe ihn „abgöttisch“ geliebt. Eine Liebe, die mir diese gesunde innere Distanz nahm, die mich immer tiefer in die Not führte, nicht versagen zu dürfen, aber doch überfordert zu sein.

 

 

Ich genoss seine wunderbaren Seitengänge und seine feinen Antennen…solange meine Trainerin mir beistand. Auch wenn ich sie nur in der Nähe wusste, war es ok. Aber im Grunde meines Herzens war die Angst vor dem nächsten Katapult-Anfall. Das spürte er natürlich auch…

 

Hab für mich den Begriff "Trainer-Junkie" geprägt.. einfach zu unsicher und immer am schauen, wo Hilfe zu holen ist .

 

 

 

Irgendwann holte ich ihn dann wieder heim…und ich mochte ihn hier nicht wirklich reiten. Der Mut, den ich bei meiner Trainerin „geliehen“ hatte, war wieder weg. Also fing ich an, mit ihm frei zu arbeiten…und lernte unendlich viel dabei, wovon ich heut noch sehr profitiere. Dann kam der Tag, wo eine liebe Freundin mich überredete, zusammen mit meiner Stute einen neuen Versuch auf einem 1km entfernten abgesteckten Wiesenstück zu wagen. Dort passierte für mich traumatisch ein Kampf, der mich in die Todesangst trieb. Ohne Unterlass schnellte er nach oben und ich flog senkrecht hoch, knallte wieder runter. Es war grauenhaft. Mir war völlig rätselhaft, wie ich da wieder heile runterkommen sollte. Ich fühlte seine Kampfbereitschaft und Entschlossenheit. Und ich fühlte mich ihm gegenüber grauenhaft.

 

Was für eine Kraft der Kleine aufbringen kann...ganz leicht bin ich nicht gerade...und was für ein fieser Schmerz muss das sein, wenn Reiter dann wieder runterplumpst...und dann auch gleich Hals rumreißt und schimpft und bufft...

 

 Ich spüre jetzt noch, nach 5 Jahren, was da alles in mir los war: Das ist zu gefährlich, das kann ich mir nicht leisten, ich bin nicht in der Lage, ihm zu zeigen, wer das Sagen hat....ich muss ihn verkaufen...

 

Aber: Das ging doch nicht…dann hätte ich kapituliert, das muss doch etwas mit mir zu tun haben, er spiegelt mich…ewige Kreisläufe. Ich wachte morgens auf und hatte Angst…immer dieser leichte Druck im Magen. Und dann spielte ich wieder mit ihm und schmolz dahin.

 

 

 

Parallel dazu las ich wie wild alles, was einen ANDEREN Weg zum Pferd beschreibt, sah mir Videos an und bekam immer mehr Ideen, dass ich dahin will...

 

Auch suchte ich immer wieder nach Wegen, ihn möglichst mit ganz weicher Hand, aber vor allem möglichst nie mit Schenkel + Hand zu reiten. Gebisslos waren wir auch schon. Dass er das als alte Zwangsjacke kannte, war ich mir ziemlich sicher.

 

 

Die Angst stand immer wieder zwischen uns, noch einmal war er bei meiner Trainerin, aber im Grunde wusste ich schon lange, dass ich ihm nicht gewachsen war. Hinzu kam die Situation hier, dass er in dieser kleinen Gruppe mit den alten Stuten keinen echten Spielpartner hatte. Am Boden haben wir wunderbare Einheiten erlebt – immer wieder. Aber inzwischen konnte ich ihn nicht mehr vom Hof führen, ohne dass er beim kleinsten Anlass explodierte…und mir deutlich zeigte, dass er mir keineswegs vertraut.

 

Während dieser 3 Jahre habe ich unglaublich viel gelesen, gefühlt, gelernt…habe die Welt der positiven Verstärkung und der sinnvollen Gymnastizierung studiert und umzusetzen versucht.

 

Und ich habe einen riesigen Kampf mit meinen inneren Schatten ausfechten müssen. Hier ein Traum aus dieser Zeit:

 

 

Letzte Nacht habe ich dann geträumt, dass Paule stirbt. Es war immer dunkel, er wurde ganz merkwürdig...aufdringlich und nicht mehr ansprechbar, drängte mich weg. Und dann legte er sich hin und fiel zusammen, als ginge seine "Luft raus" und war dann nur noch seine Körperhülle. Ich habe entsetzlich geweint und aber auch so ein Gefühl von Befreiung dabei empfunden. War diese Krankheit seine "alte Geschichte", die jetzt sterben darf? Mich berührt dieser Traum auf jeden Fall sehr und ich glaube, dass er mir ein Zeichen setzt. Mein Inneres kann jetzt vielleicht die Bereitschaft aufbringen, die Bilder des "Probem-Paules" loszulassen. Geduld zahlt sich immer aus, auch wenn es soooo schwer ist.

 

Nach gut 2 Jahren notierte ich dann folgende Erkenntnis:

 

Und ich weiß jetzt endgültig, dass meine Angst mich schützt...ich fülle nicht die Rolle aus, wie z.B. meine Berittfreundin. Auf dem Platz am Boden sind wir ein Team, aber der Zaun ist dabei. Ohne ihn ist Schluss...und meine Angst schützt mich einfach vor dem, was passieren könnte, wenn ich diese schlichte Wahrheit ignoriere.

Das macht mich sehr traurig, aber auch klar im Kopf. Seit 2 Jahren arbeite ich an mir, habe mit und von ihm sehr viel gelernt. Aber ich bin 55 J. alt und weiß nun, dass ich nicht die Autorität und Erfahrung habe, das aufzufangen, was an diesem sonst so feinen Kerl verdorben wurde. Das Problem bin eben nicht nur ich...leider.

 

Ich habe keine Ahnung, wohin diese Erkenntnis führt. Ich wünsche diesem so intelligenten und feinen Kerl jemand, der ihm mit Humor und Unbefangenheit Paroli bieten kann.

 

Auch wenn dieser Gedanke etwas Befreiendes hatte – es begann eine intensive und harte Zeit des Abschieds. Und das Scheitern zu verarbeiten, war ein echter Kraftakt. Wie einen passenden Menschen für meinen geliebten „Painted Paul“ finden? Wie ohne ihn weiterleben? Ich war mit allen Fasern meines Wesens mit ihm verbunden…aber ich spürte, dass er mich dahin führte, dass Liebe zu einem Pferd auch Loslassen heißen kann…das tat unendlich weh.

 

Ich schaltete eine Anzeige mit ungewöhnlich ehrlichem Text – und war erstaunt, was für Anfragen kamen. Zur Vermittlung sollte er dann wieder zu meiner Trainerin kommen, und sollte ich eine Person finden, sollte diese ihn dort so lange kennenlernen können, bis sie ganz sicher war. Das fühlte ich als meine Verantwortung, auch wenn es viel Geld verschlang. Nur eine Bewerberin konnte ich mit gutem Gefühl einladen, ihm zu begegnen. Jung, erfahren und mit einem Herz für etwas speziellere Pferde. Sofort schlossen sich die beiden zusammen – Paulchen erfüllte eine bewegende Ruhe, vom ersten Moment an. Das, was ich uns so gewünscht hatte, war tatsächlich geschehen. Er hatte SEINEN Menschen gefunden….der ich eben nicht war.

 

Hier meine Notizen aus der Zeit des Abschieds von damals:

 

Für seine Ankunft am Mittwoch ist alles total vorbereitet und dann kommt er nach und nach in seine neue 14köpfige Herde. Neben S. freut mich das für ihn total. Er ist so verspielt und kommunikativ, da sind viele Freunde für ihn wirklich klasse...dazu noch die großen Ausläufe.

Ja, er ist "befördert" worden, und genau das habe ich mir so gewünscht. Damit mache ich mein Sein mit ihm nicht klein, aber unsere Grenzen für uns beide auszudehnen, war einfach dran.

 

Ich habe mit mir gekämpft und mit ihm...und nicht nur ihn fit gemacht für ein neues Leben...bin eine ganz andere Person geworden und im Umgang mit Pferden nun sehr bei mir und meinem realistischen Können angelangt - eine ziemlich gute Voraussetzung für die neue Partnersuche, bei der ich mir genauso viel Zeit und Möglichkeiten nehmen werde, wie ich ihm im letzten Monat gegeben habe. Auf Economy-Deutsch: Eine Win-Win-Situation.

Allerdings werde ich garantiert den Bus vollheulen auf dem Rückweg...das gehört dazu. Und ich werde unendlich oft auf das Wissen zurückgreifen, das er mir vermittelt hat. So viele dieser Erkenntnisse fassen in Worte, was ich mit ihm intuitiv erspürt habe. Auch er hat mich "befördert", mit Sicherheit.

 

 

Das Bild erreichte mich nach seiner Ankunft im neuen Zuhause…für mich hatte es etwas unendlich Tröstliches.

 

29.1.14 So, nun ist Paule umgezogen und ich bin noch ganz erfüllt davon, wie er, wie wir dort aufgenommen wurden. Eine unheimlich nette Stallgemeinschaft, eine total nette Herde...und er mitten drin. Riesige Ausläufe und die sanften Hügel des Weserberglands drum herum. Noch etwas aufgeregt war er, klar, aber sichtlich zufrieden und froh über so viel Gesellschaft. Nach intensivem Beschnuppern und Bequieken über den Zaun stand schon seine Nachtboxnachbarin nach einer Stunde bei ihm ohne Probleme.

Und so eine liebe S. mit ihrer ganzen Familie hatte Kuchen, Kaffee und Sekt für uns bereitgestellt. Ja, er hat da wohl das große Los gezogen...und damit ich auch. Die Trauer hält sich deshalb wider Erwarten auch in Grenzen. Der Kontakt wird bleiben und alle sind froh.

 

 

Bis heute höre ich von der neuen Besitzerin und die beiden sind von Herzen verbunden und zufrieden miteinander.

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Kerstin (Freitag, 20 Dezember 2019 18:27)

    Liebe Lydia,
    so eine bewegende Geschichte. Du hast ihm die Möglichkeit geschaffen seinen Menschen zu finden. Bei dir durfte er sich kräftigen . Auch wenn es sich Anfangs wie scheitern angefühlt hat war es ein Gewinn für beide Seiten. Los lassen ist so viel schwerer als fest halten.
    Schön das ihr immer noch Kontakt habt !

  • #2

    Marie (Sonntag, 22 Dezember 2019 20:37)

    Liebe Lydia,

    Die Geschichte ist einfach sehr rührend und ich muss gestehen, hat mich zu Tränen gerührt. Eventuell nicht nur, weil es einfach schön ist, dass du es noch so geregelt bekommen hast und Paule nun ein Zuhause hat, in dem die Besitzerin besser zu ihm passt. Leider passen nicht alle Pferde-Mensch-Paare zusammen.
    Ich stehe wohl auch vor dieser Entscheidung und habe Angst, sie zu treffen. Doch ermutigt mich dein Text und ich hoffe, ich schaffe es.

    Danke für den ehrlichen Text und ich hoffe, ihr werdet noch weiter Kontakt haben und du wirst glücklich daran zurück erinnern, dass du der entscheidende Zwischenstopp für Paule warst, den er brauchte, um seinen offensichtlichen Herzenmenschen zu finden.