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Was sagt mir mein Pferd? Ich bin ein Pferd.

Auch wenn ich durchaus im Zusammensein mit meinen Pferden eine fast magische Nähe und Verbundenheit erlebe, ist es mir besonders wichtig, dass ich ihnen ihre Persönlichkeit und ihre Interessen möglichst lasse, ohne daran unnötig manipulieren zu wollen.

 

 

Das ist nicht leicht und fordert mich täglich immer wieder heraus. Einerseits möchte ich möglichst viel „verstehen“, was sie mir sagen – und andererseits aber auch sicher sein, dass sie ihre Existenz ohne meine Interpretationen und Bewertungen genießen können.

 

 

Dieser Gedanke kommt mir immer wieder, wenn ich mich mit dem „Nutzen“ meiner Pferde beschäftige. Natürlich habe ich sie „zu meinem Nutzen“ zu mir geholt und damit die Verantwortung übernommen, sie möglichst ihrem Wesen entsprechend zu begleiten und zu fördern. Das ist ein wahrer Seiltanz – und im Text, warum ich nicht mehr reite, hat sich schon gezeigt, wie sehr sich meine Wahrnehmung unserer Beziehung verändert hat. Dabei geht es keineswegs um Prinzipien…reiten an sich kann sicher erfüllend sein, wenn es für beide passt.

 

 

Unsere größte Erfüllung finden wir speziell im möglichst freien Miteinander. Dabei werden meine Antennen für dieses Wort „frei“ immer feiner und ich reflektiere immer wieder, wie weit ich diesem Anspruch in meinen Augen genüge. Ich beanspruche aber auch für mich, das Wohlsein beim Wandern mit Bucki oder Tanzen mit Stradi für beide Seiten zu erweitern und bringe dazu meine Ideen mit, die sie meistens auch annehmen…auch wenns erst einmal kurzfristig anstrengend ist. Die Grenze ist für mich immer deutlich, wenn die Motivation und das gemeinsame Feuer t im Tun nachlässt.

 

 

Dann gibt es aber noch eine riesige andere Perspektive aufs Pferd – das Pferd als „Heiler, Helfer, Spiegel“. Das ist für mich nicht nur Seiltanz, sondern eine echte Slagline in der Beziehung. Manchmal lese ich : „Jedes meiner Pferde deckt ein Problem meiner Persönlichkeit ab“. Bekomme nur ich dabei Gänsehaut und Unbehagen? Pferde haben historisch gesehen immer „im Dienst des Menschen“ gestanden, ist das nun ihre aktuelle „Bestimmung“, an der wir uns quasi "unsichtbar" bedienen?

Gerade bei wunderbar engagierten Menschen aus der Hippotherapie lese ich, wie anstrengend diese „Therapiearbeit“ für Pferde ist und wie achtsam auf ihre Belastungsgrenzen dabei eingegangen werden muss, wenn sie nicht ausbrennen sollen. Aber so im etwas „alternativeren Umfeld pro Pferd“ wird diese Haltung zum Pferdes als „besserer Partner oder Therapeut“ immer häufiger sehr selbstverständlich beschrieben und betont. Da kann dann auch schnell  mal ein naheliegendes Hufproblem oder ein Problem mit der Schiefe beim Pferd die Dysbalance meiner rechten Gehirnhälfte oder Kindheit spiegeln- und das eigentlich notwendige Einschreiten meinerseits findet nicht statt?

 

 

Genauso wird dieses fast angebetete Pferd mit Weihnachtsmützen oder Adventskranz um den Hals abgebildet, weil man ja so dankbar ist? Das mag jede/r halten wie er/sie mag…aber für mich passt das nicht. Das Pferd als Dekomodel meiner saisonalen Befindlichkeiten?

 

 

Natürlich „spiegelt“ mich mein Pferd, weil es vergleichsweise viel mehr sieht und fühlt an meinem Verhalten als ich. Aber auch dieses feinfühlige Wesen hat vielleicht einfach mal keine Lust auf mich, hat auch mal einen Hänger von seiner Energie her – oder möchte einfach lieber mal ohne TK-Interviews und permanente „Diagnosen“ seines Körpers leben?

 

Und wenn es dann wieder Lust hat, möchte es vielleicht wieder zusammen mit mir ausprobieren, wie es sich toll bewegen kann, seinen Stolz fühlen oder die Waldluft mit mir genießen?

 

Ich verstehe, dass Pferde uns im Innersten berühren – und mich haben sie auch grundlegend verändert und ganz viel Glück  gebracht – und tun das heute immer noch.

 

Aber wenn wir zu Recht immer wieder auf Zumutungen wie Boxenhaltung, Sperrriemen, Training mit Druck und Zwangsmaßnahmen, Zuchtqualen  protestieren, sollten wir nicht ebenso immer die Antennen dafür behalten,  ob wir unserem Pferd auch seine tierische Eigenart und Präsenz lassen können, ohne diese angeborene (uns in Vielem überlegene) Lebensfähigkeit kritiklos zu sehr für uns anzuzapfen?

 

Diese mentale Slagline finde ich spannend und täglich aufs Neue herausfordernd.

 

 

 

 

 

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