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Aus Respekt - warum ich nicht mehr reite

Oft werde ich gefragt, warum ich ihn denn nicht reite. Das hat mehrere Gründe, und ich habe das Gefühl, was mich betrifft, kommen da immer mehr Gründe hinzu im Laufe der Zeit.

1. Ursprünglich war für mich gen 60 die Erfahrung, dass ich auch bei einem "kleinen Sturz" schnell in Gefahr gerate. Meine Knochen machen das nicht mehr ohne Weiteres mit und mein Rücken hat auch ernsthafte Schwachtellen, die einen Sturz risikoreich werden lassen - ärztlich wurde mir abgeraten, dieses Risiko einzugehen. Aus dieser Verunsicherung resultierte dann eine Ängstlichkeit, die für mich den Genuss des Reitens auch sehr in Frage stellte.

2. Ich hatte schon lange eine echte Leidenschaft für "Bodenarbeit", vor allem die freieren Formen - und die klassische Ausbildung. Insofern war es nicht so schwierig, den Sattel einfach mal abzulegen.

3. Immer mehr auf Augenhöhe veränderte mich meine Beziehung zu Stradi, zu Pferden überhaupt . Und ich merkte schon am Boden, dass er eine Leichtigkeit und Eleganz zu entfalten begann, die er mit mir im Sattel nicht erreichen könnte. Warum? Schlicht und einfach, weil ich mich schon lange zu schwer fand für die Art des Reitens, die ich innerlich fühlte. Und altersbedingt zu behäbig dabei. Das hat für mich ganz viel mit Respekt zu tun...uns beiden gegenüber. Bilder mit mir im Sattel fand ich plump und unpassend - und eindeutig, dass er dabei an Glanz erheblich verlor. Früher hätte ich etwas von "Gewichtsträger" gesagt oder von meinem geschmeidigen Sitz. Aber das passt nicht mehr - wenn frau mehr als ein sportliches Herrengewicht von 8okg zu bieten hat, schau ich nicht mehr gerne hin inzwischen. Zumal unser Weg zeigt, dass ein Pferd auch ohne Reiten voll bemuskelt sein und ausgebildet werden kann - und die gemeinsame Freude in keiner Weise leiden muss, im Gegenteil. Sollte die Belastung durch Übergewicht mein Pferd gesundheitlich beeinträchtigen, könnte ich mir das nicht verzeihen.

4. Mit der Zeit hat sich der Respekt auf Weiteres ausgewirkt: Einflussnahme am Kopf über Kappzaum, Kopfstück, Gebiss...wir nutzen das ab und an - wenn es ihm hilft mich zu verstehen. Aber wenn er es verstanden hat, warum dann weiterhin? Dann zeigt er das viel lieber ohne "Takelage", dann longieren wir lieber mit einer lockeren Schlinge um den Hals  - oder eben am liebsten ohne alles.

5. Je weniger am Pferd, desto klarer die Antworten für mich. Das hilft mir ungemein, an meinen mentalen Hilfen zu feilen...meine inneren Bilder zu differenzieren oder mit der Energie genauer zu justieren. Und immer, wenn er weggeht, gibt er mir die Sicherheit, dass er ENTSCHEIDET, mit mir zu sein. Gerade bei versammelnden Bewegungen kann er so die Dosis wählen, die ihn nicht müder werden lässt.

6. Und letztlich...als Ergebnis von den letzten 3 Jahren: Was für eine Freude ist es, wirklich auf Augenhöhe zu kommunizieren und meinem Pferd die Chance zu geben, zu schweben, zu himmeln und sich selbst zu entdecken. Was wir da für uns entdeckt haben, können wir noch tun, wenn ich alt und klapprig bin. Und im Wald sind wir mit dem  Radl unterwegs oder langzügeln elegant durch die Heide.

7. Wenn ich jünger und leichter wäre, würde ich vielleicht ab und an Stradi fragen, ob wir dies oder das auch reitend mal versuchen - ich bin immer gerne geritten. Aber so wie es ist, hat mir der Abscheid vom Reiten einfach nur zauberhafte Türen geöffnet und den Tanz ins Glück eröffnet.

8. "Nutzen" tun wir unsere Pferde alle...und sei es zu unserem Vergnügen oder emotionaler Verbundeheit. Das akzeptiere ich auch, denn ich bin die Verantwortung eingegangen, meinen Pferden neben passender Haltung auch Aufgaben zu geben, die ihr domestiziertes Leben bereichern und ihr Wohlsein körperlich und seelisch fördern. Das Fahren könnte sicher auch ein feiner Weg des Miteinanders sein - allerdings passt das nicht zu uns. Das Gefühl von Freundschaft ist so groß geworden inzwischen, dass es ein Miteinander sucht, das so frei wie möglich ist.

 

All das ist UNSER Weg - und es gibt sicherlich zahlreiche andere wunderbare Möglichkeiten eines respektvollen und liebevollen Umgangs auf Augenhöhe mit unseren wunderbaren Pferden.

 

 

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